Im Dickicht

Bärenklau will mich umzingeln
Knöterich belagert mich
Rhododendron unter Ranken
Lindenblatt erreich ich nicht

Springkraut duldet keine Nähe
Quecken wurzeln auf dem Dach
Nesseln ragen bis zur Achsel
Herbstzeitlose hält mich wach

(2011)

 

 

 

 

 

 


Erste Strophe, zweite Strophe

Auf Gedeih und Verderb
begib dich in Habhaft.
Auf Biegen und Brechen
passt dir der Schuh.

Mit Zeichen und Wundern
machst du deine Rechnung.
Mit Mitteln und Wegen
auf dich weg, von dir zu.

(2011)

 

 

 

 

 

 


Von A nach B nach A unter Auslassung von C

Verdunklung befohlen, Verdunklung vollzogen. Zieh dich an, iss etwas. Gehen, bevor jemand Alarm schlagen kann. Du kennst den Weg? Hier ist die gültige Parole. Schreib sie für uns auf Zigarettenpapier. Wir lesen sie uns drei Mal leise vor, dann verbrennen wir den Zettel in der emaillierten Pfanne, verrühren die Asche mit Essig und schütten die schwarzgraue Brühe in den Rinnstein. Du trägst die Bücher und das Salz, ich trage die Schreibmaschine, aus deren Gehäuse bei jedem Schritt ein leiser, heller Glockenton fällt. Wir müssen hier immer wieder vorbei, wir gehen und gehen und immer im Kreis, bis wir Einlass finden. Du weißt das Wort noch? Wir müssen unsere Dialoge üben. Wir müssen überhaupt mehr Dinge üben. Vorbereitet sein. Wie bewegst du dich denn? Die Leute werden aufmerksam und kommen näher. Leg eines von den Büchern auf die Bank an der Haltestelle, das wird sie vielleicht ablenken. Nimm das Salz und streu es auf unsere Spuren. Gib acht, die Tinte ist feucht. Wenn sie verwischt, finden wir nicht hin und nicht zurück. Wann sind wir da? Jeden Moment. In jedem Moment kommen wir an. In jedem Moment laufen wir fort. Trink mehr Wasser. Schütze deine Augen. Taste dich voran. Und nun wach auf.


Als Passant

Du findest dein Heim
in einer Passivkonstruktion
vollendet formuliert und
einwandsdicht. Du pflegst,
ein Krieger des Nichts,
das Arsenal leichter Distanzwaffen.
Ein Passant, transparent
gehst du durch die Menge,
du willst dich nicht aufhalten.
Am Ende der Zeile setzt du den Stift an
und nimmst die Wörter zurück,
nimmst sie wieder auf, eins nach dem anderen,
bis alle Fahnen weiß sind.

(2011)

 

 

 

 

 

 


Im Anschluss

Am Tag des Feuerkäfers
sammelst du Silben in
der hohlen Hand
und hörst auf ein Summen
das nicht mehr dir gilt, das nur daher rührt,
dass eine Luftbewegung sich vollzieht
während du still bleibst, unruhig
in der verschlossenen Weiselzelle.

(2011)

 

 

 

 

 

 


Wieder ein Tag ohne Post

Aufwachen auf dem Teppich
mit den Schuhen von gestern vor dem Gesicht
einfach diesen Tag auslassen
abwarten und Tee trinken und abwarten
dass der Staub im Zimmer sich setzt
die Schatten sich einmal
über alle Wände bewegen und ein Hungergefühl
langsam aufkommt, es ertragen
Sich einen Tag ausdenken, gut möbliert
mit den Dingen, die vorkommen könnten
Frühstück nackt in der Küche
oder der Besuch einer Frau, die man
wenig kennt, die ein Buch bringt
das ordentliches Leben beschreibt
mit erfreulichen Möglichkeiten
und offenem Ausgang, wie dieses Gedicht
in dem ich dann doch wieder
vor dem Briefkasten stehe

(1990)